17.6.15

Rückblick auf den Yak-Trek

Nun muss ich ein wenig schmunzeln, wenn ich den ersten Blogeintrag lese; die Nächte waren nämlich seeeehr unangenehm und ich habe mich, wenn ich schlaflos, frierend und immer in Sorge um Titus dalag und auf den Sonnenaufgang gewartet habe, mal wieder verflucht, dass ich immer wieder solche Unternehmungen mache, wo doch ein warmes Hotelzimmer auch sehr schön ist!
Nachts kühlte es nämlich, sobald die Sonne gegen 22 Uhr untergegangen ist, schlagartig ab, meistens um die Nullgradgrenze, in der ersten Nacht regnete und stürmte es zu allem Übel auch noch die ganze Nacht durch. Wir kontrollierten beinahe stündlich Titus Temperatur an Kopf, Ärmchen und Beinchen, packten ihn mit Mütze, Merinopulli, dicken Socken in den Schlafsack, deckten ihn, der auf seinem Feldbett zwischen uns lag, zusätzlich mit zwei weiteren Decken zu und versuchten dann selbst, einigermaßen warm zu werden und ein bisschen Schlaf zu finden. Doch in den frühen Morgenstunden, in denen es am kältesten ist, holte dann doch einer von uns das kleine Frostbeulchen zu sich unter die Decke auf das schmale Feldbett, und so dösten wir dann bis 7 Uhr weiter. Sobald die ersten Sonnenstrahlen auf das Zelt trafen, wärmte sich die Luft schlagartig auf, und so war das Aufstehen dann auch gar nicht mehr so schlimm.
Titus schlief seltsamerweise in diesen vier Nächten so gut wie sonst selten, keinen Mucks gab er von sich, Norman mutmaßt seitdem, dass Titus schlicht und ergreifend tiefgekühlt war und sich gar nicht melden konnte...

Nach dem Aufstehen zogen wir uns erst einmal warm an und marschierten zum Frühstück, das wir in den ersten beiden Tagen in der warmen Jurte einnehmen durften. Tuuvshin, die Köchin, zog alle Register, kochte Milchreis oder Griesbrei, machte Omeletts, es gab Joghurt, Müsli, Toast, Marmelade, frisches Gemüse, Käse, und natürlich viel heißes Wasser für Tee und Kaffee.
Am ersten Tag packen wir direkt im Anschluss daran alles ein, die Zelte wurden abgebaut und wir mussten mit Hand anlegen, als alle gemeinsam die Jurte zusammenbauten. Das ging erstaunlich schnell vor sich, obwohl dieses "Hauszelt" so massiv wirkt! Anschließend wurde sämtliches Gepäck auf die drei bereitstehenden Karren geladen. Die Crew musste mit dem Abmarsch noch warten, denn über Nacht war eines der drei Yaks abhanden gekommen, und so machte sich der mongolische Yak-Hüter Ulaana zu Pferd erst einmal auf die Suche nach dem Ausreißer.
Wir marschierten im Sturmwind aber schon einmal los, vor uns lag eine gut vierstündige Wanderung, die uns hoch hinauf auf einen der Hügel führte. 

Auf den Wiesen blühte überall der mongolische Enzian, und beim Gehen musste man sehr gut darauf achten, nicht in eines der riesigen Murmeltierlöcher zu fallen, die überall im Erdboden verteilt waren. Auch der mongolische Maulwurf scheint größer zu sein als der unsrige, zumindest die Maulwurfhügel nehmen gigantische Ausmaße an! Titus verschlief von dieser Wanderung mal wieder den größten Teil auf meinem Rücken, nur zur Mittagspause, zu der wir in ein kleines, windgeschütztes Waldstück einbogen und unsere Lunchboxen auspackten, nutzte er, um ein bisschen herumzukrabbeln. Endlich, endlich erspähten wir nach schier endlosem Auf und Ab unten im Tal an einer Flußbiegung die Jurte und unsere Zelte, und pünktlich zur Kaffeestunde um 16 Uhr erreichten wir den Lagerplatz. Wir durften uns in der Jurte ein wenig aufwärmen und bezogen dann unser Tipi, richteten uns ein, indem wir eine Wäscheleine spannten und dort das Nötigste griffbereit aufhängten sowie die Stirnlampe auspackten. Tamir, unser Guide, fragte uns, ob wir Lust auf eine Dusche hätten, das warme Wasser dafür stände bereit. Also stand ich kurz darauf in einem kleinen Zeltverschlag ohne Dach und Boden, mit einer Art Kanister, der über eine Pumpe das darin enthaltene Wasser in einen kleinen Duschkopf leitete. Die Wäsche war herrlich - allerdings schlug in dem anhaltenden starken Wind immerzu eine Zeltwand auf mich ein und ich musste die ganze Zeit aufpassen, dass sich nicht der Klettverschluss an der Tür löste...
In dieser Nacht flaute der Wind ein wenig ab, und dank einer heißen Wärmflasche im Bett (danke für den Tipp, Mama!) war es auch einigermaßen auszuhalten.

Am nächsten Morgen war es nicht mehr ganz so frostig draußen. Trotzdem mussten wir immer die warme Jacke anbehalten, denn während der Windböen wurde es empfindlich kalt, durch sie wurden immerzu Wolken über den Himmel getrieben, brrrr!
Um uns aufzuwärmen, stand bei der Wanderung an diesem Tag ein steiler Aufstieg bevor, hoch hinauf ging es zu markanten Felsgipfeln. Die Crew, die Zelte und die Tiere blieben im Lager, dort sollten wir für eine weitere Nacht bleiben. Nach fast zwei Stunden Marsch und kurzen Rast machten wir uns an die letzten 100 Höhenmeter des Anstiegs, und Titus wurde kurzerhand von Guide Tamir auf den Arm genommen, der mit ihm das letzten Stück hinaufrannte. Oben hatte man einen herrlichen Blick über weite Flusstäler, Hügelketten und immer noch mehr Grassteppe und Waldstücke, und an einem windgeschützten Fleckchen auf warmen Steinen ließ es sich gut aushalten. Titus verspeiste entgegen unserer Erwartung mit großem Appetit die morgens von der Köchin frisch zubereiteten Piroschki (Teigtaschen mit Gemüsefüllung) und spazierte dann fröhlich an den Steinbrocken entlang, hantierte mit den Teebechern und Stöckchen herum und war bis zum Aufbruch ganz mit sich selbst beschäftigt.



 Der Abstieg war dann auch deutlich wenig anstrengend als der Aufstieg. Unten im Tal hatte sich nun der Wind gelegt und hatte einen strahlend blauen Himmel zurückgelassen, so dass die Temperatur schlagartig anstieg und wir schwitzend die letzten 5 Kilometer zum Camp zurücklegten. Der einheimische Führer Ganaa war mit seinem Pferd mitgeritten und bot nun eindringlich Norman, der Titus auf dem Rücken hatte, an, doch ein bisschen auf das Pferd zu sitzen und sich auszuruhen. Gesagt, getan, und bald ritten die beiden am Zügel geführt von Ganaa vorneweg.
 

Titus behagte das Gewackel dort oben auf dem Sattel aber gar nicht, bald protestierte er lautstark, und so ging es dann doch zu Fuß weiter durch das Flußtal. Wir waren ganz schön erledigt, als wir am Nachmittag endlich bei den Zelten anlangten.
Titus wollte natürlich sofort wieder stundenlange Spaziergänge zu den Yaks, zum Pferd, oder einfach im Kreis herum unternehmen - an einer Hand gehalten läuft er schon ganz wunderbar und flink, und freut sich über jeden, der mit ihm unterwegs ist. Dank der lieben Crew fand sich da zum Glück auch immer jemand, das Kind verschwand manchmal fast stundenlang und wurde geherzt, geküsst, herumgetragen und bespielt.


 Und auch unsere beiden amerikanischen Mitreisenden sagten am zweiten Abend, wie sehr sie es genießen würden, dass ein Kind dabei sei, das würde die Stimmung doch sehr heben und es wäre so nett, wie sehr sich alle um Titus kümmerten. Das freute mich besonders, denn ich war besorgt, dass wir Mitreisenden ohne Kinder vielleicht auf die Nerven gehen würden, falls Titus nachts weint oder tagsüber unleidlich sein sollte - offenbar ganz grundlos!

An diesem Abend wurden wir nach dem wieder einmal vorzüglichen Essen gebeten, noch in der Jurte zu bleiben. Dort spielten die Mongolen eifrig Karten, und währenddessen durften wir ihnen Fragen stellen, um alles über das mongolische Nomadenleben zu erfahren. Sie erzählten uns von Temperaturen im Winter unter 30 Grad Minus, von Winterlagern für die Tiere, von Fernsehern, Waschmaschinen und Kühlschränken in den Jurten, vom Klimawandel, von Handyempfang und ihrer Ernährung (meist nur Fleisch, Brot und Milchprodukte, alles selbst hergestellt), vom Kaufpreis einer Jurte,...
Auf die Frage, was denn am Nomadenleben am schönsten sei, antwortete Tumuruu, der junge Yaktreiber und Ranger im Nationalpark, der als Familienvater einer zweijährigen Tochter immer besonders liebevoll mit Titus spielte, dass es für ihn ein Geschenk sei, in dieser unberührten Natur zu leben, wo im Vergleich zur hektischen Stadt so viel Ruhe herrsche, und dass er dafür gerne das anstregende Leben in Kauf nehme.


Beim Zähneputzen im letzten Sonnenlicht des Tages war es fast noch warm, und ich hoffte auf eine einigermaßen gute Nacht, doch leider fielen die Temperaturen unter den Nullpunkt, Raureif lag auf den Zelten, und meine Füße waren die ganze Nacht über eiskalt, ebenso wie Titus' Hände.

So war ich am Morgen des vierten Tages ganz schön zermürbt, als es wieder ans Einpacken, Abbau der Jurte und Beladen der Karren ging, denn wir wechselten weiter zum nächsten Zeltplatz. Diesmal marschierten wir alle im strahlenden Sonnenschein bei tiefblauem Himmel gemeinsam los, vor uns die erstaunlich schnell laufenden Yaks mit den hoch beladenen Wagen, auf denen obenauf die Mannschaft thronte, dahinter Ganaa auf dem Pferd, und zum Schluss wir Wanderer. Die Mongolen sangen wunderschöne Weisen, während wir versuchten, Schritt zu halten. Bald durften wir aber allesamt auch auf die Karren aufsteigen, und von den Yaks gezogen durchquerten wir so mehrere Bäche und Flüsse trockenen Fußes. Titus verschlief auf meinen Rücken geschnallt auch dieses Abenteuer und wurde erst wieder wach, als wir zur Mittagszeit unser letztes Lager am Flussufer aufschlugen. 

Zum Glück war die Wanderung für diesen Tag beendet, denn inzwischen war es richtig heiß geworden. Also setzte ich mich micht Titus erst einmal ans Ufer, dort warf der kleine Nomade stundenlang Stein um Stein ins Wasser und war selig, während alle anderen gemeinsam die Jurte aufbauten.
Als das geschafft war, wurde eines der Yaks wieder vor einen Karren gespannt, wir wollten eine Nomadenfamilie besuchen, die sich in einer Jurte ein paar Kilometer entfernt aufhielt. Bequemerweise durften wir wieder auf den Wagen aufsitzen, inzwischen hatte es sicherlich gut 28 Grad, und da unten im Flusstal kaum Bäume wachsen, war weit und breit kein Schatten in Sicht. Leider hatte auch das Yak keine Lust auf eine solche Anstrengung und verweigerte bereits nach einem Kilometer seine Dienste, also mussten wir doch zu Fuß weitergehen, während der Yaktreiber zurück zum Camp lief, um ein anderes Tier zu holen. Titus wurde abwechselnd getragen, während Norman den Regenschirm als Sonnenschutz über ihn hielt, denn trotz Sonnencreme und -hut war das einfach jetzt schon viel zu viel Sonne für den kleinen Mann...

Endlich erreichten wir die von einem Holzzaun umgebene Jurte, dort erwartete uns schon die Hausherrin mitsamt ihrer Schwiegertochter und den vier Enkelkindern, das kleinste davon gerade einmal ein halbes Jahr alt. Neben der Jurte weideten auf freier Fläche die vielen Pferde der Familie, in einem umzäunten Bereich standen Kälbchen, Schafe und Ziegen, von schläfrig in der Sonne liegenden Hunden bewacht. Wir wurden in die Jurte gebeten und bekamen monglischen Milchtee, selbstgemachten Joghurt und Kekse angeboten. Titus konnte nicht einmal abwarten, bis er an der Reihe war, sondern schnappte sich bei erster Gelegenheit einen Keks vom Tisch und belustigte damit die Bewohner. Die Oma holte daraufhin ein Schälchen mit frischer Milch, das sie ihm anbot und dass Titus bis auf den letzten Tropfen ausschleckte. 


Um nicht allzu lange zu stören, machten wir uns bald auf den Rückweg, wieder auf dem Karren sitzend, denn inzwischen war das Ersatz-Yak angekommen. Durch die Hitze schläfrig geworden, schlummerte Titus tief und fest, als wir wieder in unserem Camp ankamen. Dort wurde ich sofort in die Küchenjurte gewunken, und durfte Titus auf den dort ausgebreiteten Matten ablegen.

So hatten Norman und ich ein bisschen "Freizeit", und setzten uns mit Buch und Kaffee ans Flussufer. Weil das Wetter so sommerlich war, wagte ich sogar ein Bad im eisig kalten Fluss, doch nach einmal Untertauchen hatte ich genug Erfrischung, während die mongolischen Helfer um uns herum fröhlich badeten und die Amerikanerin Marie sich sogar die Haare wusch.
Immer wieder äugten wir in die Jurte, um nach Titus zu sehen, doch der schlief selig und kullerte immer näher an den Yaktreiber Tumuruu heran, der dort herumlag, bis er irgendwann halb auf ihn draufgekuschelt aufwachte und ziemlich verwirrt dreinschaute.
Bald war es Zeit für das letzten Abendessen, das wieder einmal wirklich ziemlich gut und sehr kindertauglich war. Zum Glück hat Titus eh ein großes Faible für Reis und Pasta in allen Variationen, so dass der Gurkensalat, die Gemüsesuppe und die Spaghetti wieder ganz nach seinem Geschmack waren. Erneut hatten wir uns ganz umsonst Sorgen wegen der Verpflegung des kleinen Mannes gemacht und haben die Haferflocken und Notfall-Brei-Rationen nicht benötigt.

Nachdem wir mit Rob und Marie noch E-Mail-Adressen ausgetauscht hatten, machten wir uns für die letzte Nacht im Zelt bereit. Wenigstens war es drinnen durch den Sonnenschein den ganzen Tag über ordentlich aufgeheizt, so dass diesmal das Bett zumindest aufgewärmt war, als wir uns dort verkrochen.

Draußen sein

Eine große Zufriedenheit erfüllt mich, als ich abends im untergehenden Sonnenschein hinter dem Zelt stehe und im Freien meine Zähne putze - endlich wieder "Outdoor-Leben"! Allerdings deutlich "luxuriöser" als jemals zuvor...

Noch am Morgen gegen 9 Uhr brechen wir pünktlich vom Hotel aus auf, die Hälfte unseres Gepäck lagern wir dort ein. Wir besteigen mit Rob und Marie, Guide Tamir, der Köchin, zwei Helferinnen und dem Fahrr den klapprigen Bus, für Titus gibts sogar einen Kindersitz, in dem er erst einmal einschlummert. Während wir Ulan-Bator (kurz: UB) hinter uns lassen, erzählt Tamir ein bisschen über die Stadt und deren Geschichte, so dass uns der morgendliche Berufsverkehr nicht weiter stört. Außerhalb der Stadtgrenze reiht sich bald Jurten-Camp an Jurten-Camp, hier hausen die sesshaft gewordenen Nomaden in provisorischen Siedlungen und bauen Grenzzäune um ihre Jurten herum. Diese Siedlungen wachsen von Jahr zu Jahr massiv an, immer mehr Nomaden geben ihr anstrengendes Leben in den Weiten des Landes auf und wollen etwas vom Wohlstand der Hauptstadt abbekommen.

Nach 90 Minuten Fahrt erreichen wir die 40 m hohe Statue des "Nationalheiligen" Dschingis Khan, die von einem der reichsten Männer der Mongolei gestiftet wurde und protzig über uns aufragt. 


Nach einem kurzen Zwischenstopp dort biegt der Bus bald von der befestigten Straße auf einen Feldweg ab, und hinein geht es in die schier endlos scheinende Steppe. Links und rechts tauchen immer mehr Pferde, Kuh-, Schaf- und Ziegenherden auf, oft von mongolischen "Cowboys" entweder zu Pferd oder auf dem Motorrad und von Hütehunden - zum Schutz vor den vielen Wölfen hier - bewacht. Man erzählt uns, auf die etwa 3 Millionen Mongolen kommen 40 Millionen Stück Vieh, die fast ausschließlich hier in der freien Natur gehalten werden.
Titus inzwischen erwacht und Birne futternd, flippt jedes Mal fast aus, wenn er ein weiteres Tier entdeckt, nichts hält ihn mehr im Sitz, und so wird er ringsum von den netten Begleiterinnen auf den Arm genommen und herumgereicht.
Der Weg indessen wird immer schmaler und unbefestigter, der Bus röhrt sich hügelauf und -abwärts und biegt nach 3 Stunden plötzlich mitten auf die Wiese links ab. Dort machen wir, inmitten von erstaunt glotzenden Kühen, Mittagspause; Lunchpakete, Wasser und sogar Feuchttücher (sehr zu Normans Begeisterung) werden verteilt, und wir bekommen einen ersten Eindruck vom "Leben" im mongolischen Outback.
Nach kurzer Rast geht die rumpelige Fahrt noch etwa 1 Stunde weiter. Erstaunlicherweise begegnen uns auf dem matschigen Weg mehrfach komplett mit Möbeln und sonstigem Hausstand beladene Kleintransporter. So ziehen heutzutage also die Nomaden umher, der Yak-Karren scheint ausgedient zu haben.
Endlich erspähen wir an einem kleinen Bach vor uns die Yaks, wir parken auf der Wiese, und werden von drei einheimischen Helfern in Empfang genommen, die sich gleich daran machen, an einer geschützten Stelle die Zelte aufzubauen. Eine mittelgroße Jurte, die künftige Küche, steht bereits.
Die 4 1/2köpfige Reisegruppe macht derweil einen ersten Spaziergang, wir steigen auf einen nahe gelegenen Hügel, um uns die unfassbare Weite der Landschaft anzuschauen. Außer ein paar vereinzelten Jurten ist weit und breit nichts zu sehen außer Grassteppe, Bäume und Berge, so weit das Auge reicht.
Leider ist das Wetter immer noch extrem wechselhaft und ändert sich stündlich von Sonnenschein zu Regen, so dass wir zurück zum Lagerplatz marschieren, als die nächsten schwarzen Wolken aufziehen.
Dort darf Titus die drei schwarzen Yaks und das Pferd inspizieren, die dort grasen und uns die nächsten Tage begleiten werden. Bis zum Schlafengehen will der kleine Mann dann alle paar Minuten an der Hand zu den angebundenen Tieren spazieren, und kann innerhalb kürzester Zeit das Muhen der Yaks originalgetreu imitieren.


Zwischendurch wird er von den mongolischen Helferinnen entführt, darf in der Küchenjurte spielen, während wir im Essenszelt Kaffee trinken und mit den beiden Amerikanern quatschen.
Verpflegt werden wir zum Abendessen kurz darauf bestens mit Salat, Suppe, Hauptspeise und Obst, alles in der Jurte auf zwei Gasherdplatten zubereitet, das Wasser wird auf dem großen Holzofen dort gekocht. Auch unsere Zelte sind toll, riesige Tipis mit Feldbetten, frisch bezogenen Decken und Kissen, und sogar ein Klozelt (d.h. ein geschaufeltes Loch im Boden mit Zelt drumherum) gibt es, das ist schon fast "Glamping"!
Titus ist fix und fertig von dem aufregenden Tag, er muht beim Einschlafen noch ein paar Mal abwechseln mit den Yaks und verschwindet dann vollständig in seinem Schlafsack, den wir sicherheitshalber mitgenommen haben. Momentan ist es noch einigermaßen angenehm, mit Fleecejacke und Jogginghose hält man es einigermaßen aus, aber mal schauen, wie die erste Nacht im Zelt wird!

9.6.15

Klosterbesuch

Eine ruhige Nacht liegt hinter uns, nach den wenigen Stunden Schlaf in der Nacht zuvor sind wir nun endlich richtig ausgeschlafen, als Titus gegen halb acht morgens laut "Papapa" kräht und sich auf Norman stürzt. Beim Frühstück steht das britische olympische Judo-Team vor uns am Buffet und ordert Unmengen Eier, die Bedienungen sind also ausgelastet und haben keine Zeit, Titus herumzutragen, der darüber fast ein wenig enttäuscht wirkt.

Kurz darauf steigen wir ins Taxi und lassen uns zum Gandan-Kloster, dem bedeutendsten buddhistischen Kloster Ulan-Bators bringen. 

Wir sind zunächst ein wenig enttäuscht, da es viel kleiner ist, als wir gedacht hatten. Doch die große, gut 20 m hohe und in Goldfarbe getauchte Statue im Inneren des Heiligtums ist beeindruckend, ebenso die Hunderte von Gebetsmühlen, die ringförmig darum herum angeordnet sind. Titus, der auf meinen Rücken geschnallt ist, ist begeistert davon und will die Gebetsmühlen unbedingt auch drehen, fällt vor lauter Hingabe fast aus der Manduca, und die Mongolen einschließlich einiger Mönche freuen sich darüber.


Die Mönche halten gerade ihre Morgenzeremonie ab mit monotonen Gesängen, Trommeln, dabei weht der Geruch der vielen Kerzen durch die dunklen, mit buddhistischen Erzählungen bunt bemalten und mit Statuen vollgestellten Tempel. Es sind viele Gläubige da, die genau darauf achten, beim Verlassen der Tempel rückwärts zu gehen, um niemals dem Altar den Rücken zuzukehren. Fast unwirklich scheint ein solcher Ort der Ruhe und Besinnung auf uns, außen herum stehen die Hochhäuser und lärmen die vielen, vielen Baustellen der Stadt, die unaufhörlich wächst...

Wir marschieren weiter zum nahe gelegenen Park, dort soll es laut Reiseführer einen "Children's Garden" geben, und wir hoffen auf einen netten Spielplatz, eventuell ein Café oder ähnliches. Bis zum Eingang des Parks laufen wir an einer 6spurigen Straße entlang, und drinnen wird's leider auch nicht besser - kein Mensch ist zu sehen, von Grünflächen kann man beim Anblick der vertrockneten Grasreste auf dem Acker nicht reden, und der Vergnügungspark hat definitiv auch schon bessere Zeiten gesehen.

 Zum Glück ist Titus kurzerhand im Kinderwagen eingeschlafen und bemerkt gar nicht, dass wir auf dem Absatz umkehren und das nächste Pub aufsuchen, wo wir uns die Mittagszeit mit einem Bierchen vertreiben. Titus bekommt nach dem Aufwachen die eingepackten Reste des gestrigen Pizzeria-Besuchs und lässt sich seine Portion seeeehr knoblauchlastiger Spaghetti schmecken, das ganze Kind riecht seit gestern abend wie eine Dönerbude.

Zurück im Hotel wälzen wir Bilderbücher, malen, "telefonieren" mit der Fernbedienung am Ohr mit Gott und der Welt und skypen mit den Lieben zuhause. 

Titus hat bitzschnell gelernt, dass man auf Mamas oder Papas Rücken klettern kann, wenn diese auf dem Bett sitzen, und will sich immerzu herumtragen lassen und "Pferd" spielen, das ist anstrengend! 

Also packen wir den wuseligen Kerl ein und gehen wieder zum Spielplatz um die Ecke, dort wird gerutscht und geklettert, und wir kommen mit einer ziemlich gut Deutsch sprechenden mongolischen Mama ins Gespräch, die lange in Salzburg studiert hat...
Unsere Wäsche ist fertig, und so sind wir nach der Rückkehr ins Hotel eine ganze Weile damit beschäftigt, unser Gepäck für die ab morgen startende viertägige Trekkingtour mit anschließendem Aufenthalt im Jurten-Camp umzuräumen. Wir wollen alles unnötige Gepäck während unserer Abwesenheit im Hotel deponieren. Wir sind so mit Packen beschäftigt, dass wir erst mitkriegen, dass Titus die Schiebetür des Garderobenschranks ausgehängt hat, als er bitterlich zu weinen beginnt, weil ihm die Tür auf die Füße gefallen und er einen dicken Kratzer abbekommen hat. Zum Glück ist das Schlimmste mit ein bisschen pusten, trösten und Pflaster drauf wieder überstanden.

Darüber vergessen wir fast die Zeit, und schon steht unser Guide, Tamir, für die nächsten Tage vor der Tür, der uns zu einem "Welcome-Dinner" in ein nahegelegenes Restaurant abholt. Wir lernen die beiden Mitreisenden unserer Trekkingtour, Maria und Rod aus Oregon, kennen, und haben ein tolles Abendessen in einem BBQ-Restaurant, wo alles, was man sich am fast schon unüberschaubaren Buffet holt, frisch gegrillt wird. Während des Essens erzählt Tamir uns einiges über die mongolische Geschichte und über den Ablauf der Tour, und bald sind alle Fragen beantwortet und sogar Titus ist irgendwann satt. Zurück im Hotel räumen wir noch die letzten Dinge ein und stecken den Junior ins Bett, der nach seinem Schreck vom Nachmittag ganz erledigt ist.

Wir verabschieden uns nun erst einmal für eine gute Woche und gehen "offline". Abfahrt morgen ist um 9 Uhr, mit dem Bus geht es vier Stunden lang hinaus aus der Stadt und in die mongolische Steppe, und ab dann wird gewandert. Das Yak läuft mit und darf auf seinem Karren das gesamte Gepäck, die Zelte und die Verpflegung transportieren. Mal sehen, wie kalt es wird, nachts kann es wohl um die 0 Grad haben, aber zur Not haben wir eine Wärmflasche dabei, die wir Titus in den Schlafsack legen können...

8.6.15

Dsching-Dsching-Dschingis Khan!

Gegen Mittag erreichen wir Nauschki, hier sagt der Zeitplan, der an unserer Abteiltür hängt, einen Aufenthalt von vier Stunden voraus - und diese Angabe wird wieder auf die Minute genau eingehalten. 

Allerdings passiert an diesem Stopp erst einmal gar nichts; der Bahnhof ist nicht weiter beachtenswert, sonst gibt es auch nicht viel zu sehen, und da Titus gerade sein Mittagsschläfchen hält, bleibe ich im Abteil sitzen, während sich die anderen Reisenden am Bahnsteig die Beine vertreten. Plötzlich fährt der Zug los, und ehe ich mich versehe, rattern wir etwa zehn Mal immer wieder 500 Meter das Gleis in die eine und dann in die andere Richtung, um diverse Wagons an- und abzuhängen; jedes Mal wieder an den belustigsten Blicken der Wartenden vorbei. Als das endlich erledigt und Norman wieder mit im Zug sitzt, geht die Pass- und Zollkontrolle der Russen los. Uniformierte Männer und Frauen mit starren Blicken kontrollieren mehrfach und genauestens Pässe und Visa, wir müssen aufstehen, die biometrischen Fotos werden verglichen, ein paar Mal müssen wir sogar aus dem Abteil heraus auf den Gang treten, damit das Gepäck und die Abteile genauestens untersucht werden können. Sogar ein Drogenspürhund ist mit von der Partie. Titus stört das nicht weiter, er probiert auch hier sein strahlendstes Lächeln aus, doch mehr als ein Zucken der Mundwinkel kann er den russichen Grenzbeamten nicht entlocken. Endlich sind alle Pässe mit Ausreisestempeln versehen, die Provodnitsa treibt ihre Schäfchen zusammen und weiter geht es.
Nach nicht einmal 5 Kilometern, in denen wir das Grenzgebiet, das dicht mit Stacheldraht abgeschirmt und von Wachtürmen überragt wird, passiert haben, erreichen wir Sükhbataar, ein kleines Grenzstädtchen in der Mongolei. Ab hier werden auf einmal sämtliche Uhren im Zug auf monglische Zeit gestellt, und zur allgemeinen Verwunderung wird die Uhr auch noch um eine Stunde vorgestellt, darüber wusste keiner von uns Bescheid. Wieder passiert eine ganze Weile lang nichts, endlich kommen auch hier die Grenz- und Zollbeamten in den Zug, und bereits der erste Uniformierte grüßt freundlichst, lächelt herzlich und kitzelt Titus am Kinn. Die britischen Mitreisenden kommentieren trocken: "That's the difference between Russia and Mongolia, isn't it?!"
Das Einreisevisum ist schnell erteilt, und endlich setzen wir die Fahrt nach insgesamt 6 Stunden Grenzübertritt fort. Kaum aus der Stadt heraus, sehen wir auf den Feldern neben den Gleisen vereinzelt die ersten weißen Jurten stehen.

Da uns nun wieder eine Stunde fehlt, ist längst Schlafenszeit, alle gehen früh ins Bett, da wir Ulan-Bataar in aller Herrgottsfrüh erreichen werden, und so packen wir Titus wieder hinter's Netz, trinken ein letztes russisches Dosenbier, packen das Wichtigste zusammen und legen uns auf die Pritschen.

Um 5 Uhr werden wir von der Provodnitsa geweckt, noch im Halbdunkel machen wir uns fertig, ziehen die Betten ab und den noch schlafenden Titus an, schließen die Rucksäcke und fahren pünktlich um 5:50 Uhr in Ulan-Bataar ein. Zum Glück wartet draußen vor der Zugtür, im beginnenden Nieselregen, bereits ein Fahrer auf uns, der uns in das gebuchte Hotel Bayangol bringt, wenige Minuten Fahrt vom Bahnhof entfernt. Bereits an der ersten Ampel lässt sich nicht leugnen, dass wir uns hier auf asiatischem Boden befinden, eine rote Ampel bedeutet noch lange nicht, dass man unbedingt anhalten muss...


Im Hotel bekommen wir ein wunderbares Zimmer und sogar ein Kinderbett für Titus, und nach einer dringend nötigen Dusche, während der unser kleiner Sohnemann das Zimmer erkundet, mit allen Fernbedienungen "telefoniert", unser Gepäck im Mülleimer versteckt und unheimlich geschäftig ist, halten wir alle noch ein kleines Schläfchen.
Beim Frühstücksbuffet ist Titus dann der erklärte Star, gleich vier Bedienungen scharen sich um sein Kinderstühlchen, und sobald er den letzten Bissen Marmeladebrot verputzt hat, wird er herausgenommen und herumgereicht, irgendwann verschwindet eine der Ladies mit ihm in der Küche, während wir in Ruhe fertig frühstücken. Die Mongolen sind offenbar sehr kinderfreundlich, jede Putzfrau und jeder Türsteher im Hotel hat ein Lächeln für das Kerlchen übrig, ebenso Männer und Frauen jeden Alters auf der Straße, und Titus genießt die Aufmerksamkeit sichtlich, als wir frisch gestärkt unser Tagesprogramm angehen.
Zuerst einmall holen wir in einem nahegelegenen Reisebüro unsere nächsten Zugtickets ab und statten dann dem zentralen Platz der City einen Besuch ab. Dort steht eine riesige Statue von Dschingis Khan, vor der eine hübsch herausgeputzte mongolische Reisegruppe für Fotos posiert, während außen herum der dichte Verkehr rauscht.

Die Gehwege und Straßenführung ist deutlich kinderwagenfreundlicher als noch in Irkutsk oder Moskau, und so erreichen wir kurz darauf das Reisebüro, über das wir unsere Rundtour für die nächsten 14 Tage gebucht haben. Dort können wir noch die letzten Details klären, z.B. ob wir Schlafsäcke bekommen und wie die Verpflegung unterwegs aussieht, und auch hier empfängt man uns sehr freundlich. Weiter geht die erste Stadtbesichtigung, wir brauchen dringend Windeln und betreten nach einigem Suchen das riesige Kaufhaus, das "State Department Store" heißt und die Ausmaße und Ausstattung eines Karstadt-Geschäfts hat. Wir sind mehr als erstaunt, als wir im dortigen Supermarkt die Babyabteilung betreten - eine solche Auswahl an verschiedenen Babyprodukten und v.a. an Windelmarken haben wir noch nie gesehen! So dauert es eine Weile, bis wir uns durch die verschiedenen Marken und Preisangaben gearbeitet haben, die Umrechnungen in die hiesige Währung, den "tögrög", dauert noch ein bisschen länger, und die Schrift ist ja auch kyrillisch. Endlich sind wir versorgt mit dem nötigsten, nachdem wir noch die restlichen angebotenen Waren bestaunt haben, vieles davon ist sogar deutsche Markenware, hier ist wirklich alles zu bekommen und das Angebot vielfältiger als sogar in Moskau.

Genug des Herumlaufens, wir haben MIttagshunger, und auch hier fällt die Wahl zunächst schwer, denn ein vielversprechend aussehendes Restaurant reiht sich an das nächste, japanische, italienische, vegane (!), ukrainische Küche ist vertreten, und wir landen schließlich in einem mediterran anmutenden Bistro. Titus isst sich durch das angebotenen Mittagsmenü und macht danach weiter seine Laufübungen, wir sind wieder sehr angetan vom Service hier, und im Gegensatz zu Russland spricht hier doch tatsächlich praktisch jeder Englisch, das macht die Kommunikation dann doch einfacher. Selbst die Dame in der Wäscherei, in der wir unsere Schmutzwäsche abgeben mit der Bitte, sie bis morgen zurückzubekommen, kann mit uns das Wichtigste besprechen, und endlich darf auch wieder um den Preis gefeilscht werden, das gefällt mir sehr gut!

Nach dem Essen spazieren wir erst einmal zurück ins Hotel, das Wichtigste haben wir soweit erledigt. Die Stadt selbst ist eine bunte Mischung aus futuristischen Hochhäusern, sowjetischen Plattenbauten, buddhistischen Tempeln, chinesischen Pagoden und vielen, vielen Baustellen, der Verkehr ist recht wild, es wird viel gehupt, und auf den Gehwegen und Plätzen sind viele, viele Menschen unterwegs. 


Das Timing war perfekt, eine der dauernd heranziehenden dunklen Wolken entlädt sich in einen heftigen Regenguss, den wir gemütlich im Hotelzimmer sitzend, spielend, E-Mail schreibend und das Lied "Dschingis Khan"  auswendig lernend abwarten.

Als die Sonne wieder hervorlugt, spazieren wir zu einem nahe gelegenen Spielplatz, Titus darf wieder seine Rutschkünste verfeinern, lässt sich immer noch nicht zum Schaukeln bewegen, und reagiert sehr irritiert auf die Annäherungsversuche der mongolischen Kinder, die ihn umarmen oder küssen wollen, da hält er sich doch lieber an die freundlich winkenden und lächelnden Mütter. 



Auf eine Reiseführer-Empfehlung hin suchen wir tatsächlich eine Pizzeria auf, die nicht allzu weit vom Hotel entfernt ist, wir sind wegen der kurzen Nacht alle müde und wollen schnell wieder zurück. Die Pizza ist dann auch ganz fein, das Dschingis-Khan-Bier auch, allerdings ist das Essen wie alles hier nicht ganz billig. Titus schläft bereits auf dem kurzen Rückweg im Kinderwagen ein und wacht auch nicht mehr auf, als wir ihn im Hotel angekommen in sein Bett legen, das war ein aufregender Tag für uns alle. Bisher fühlt es sich toll an, endlich in der Mongolei angekommen zu sein, das Reisen zusammen macht überhaupt richtig Spaß, und die Zeit zusammen tut uns allen gut. Zum Glück bleiben uns noch ein paar Wochen!

Wieder unterwegs

Und schon sitze ich wieder im Zug und rolle auf die mongolische Grenze zu, nach einer sehr unruhigen Nacht und einem anstrengenden Tag davor.
Aber der Reihe nach:

Unseren letzten Abend in Kuzhir haben wir mit dem letzten Dosenbier und einer Folge der Serie "Sherlock" verbracht - eigentlich wollten wir nur ein halbes Stündchen gucken, aber dann war es so spannend, dass wir die ganzen 90 Minuten gucken mussten und dementsprechend später ins Bett kamen als gedacht. Wie immer schlief Titus am Abreisetag bis weit nach halb acht, aber wir hatten ja zum Glück am Vorabend soweit gepackt, dass wir entspannt frühstücken konnten und trotzdem pünktlich um halb zehn am Eingang standen, um auf unseren Bus zu warten.
Dort hatten sich - übrigens bei herrlichstem Wetter, Sonnenschein pur und keine Wolke am Himmel - eine Handvoll Pensionsgäste versammelt, um einem Chinesen zu lauschen, der auf einer Bank saß und ein kleines Konzert auf einer singenden Säge (!) zum besten gab. Titus war davon natürlich sofort fasziniert und hörte konzentriert zu.


Kurz darauf bog ein Sprinter um die Ecke, wir nahmen unsere drei Plätze in der hintersten Sitzreihe ein, und los ging die wilde Fahrt. Gut eine Stunde lang holperten wir im vollbesetzten Auto über die Insel bis hin zur Fähre, die 35 km zogen sich in die Länge, während wir auf unseren Sitzen hin- und hergeschleudert wurden. Titus war recht irritiert, kuschelte sich trotz der steigenden Temperaturen eng an mich und schlief ein. MItten auf offener Strecke hielt unser Fahrer unvermittelt an einer kleinen Gedenkstätte - wieder ein mit Bänder umwickelter Holzpfahl - an, legte dort ein Geldstück ab, und stieg wieder ein, offenbar für die Weiterfahrt nun bestens gerüstet. Wir hatten Glück, und mussten am Fähranleger nur wenige Minuten auf die Überfahrt warten. Wieder am Festland, wartete dort nach ein paar Kilometern asphaltierter Strecke wieder eine reine Sand- und Schotterpiste auf uns, und das Gerüttel ging von vorne los. Wieder klammerte Titus sich ganz fest an mich, und so schwitzten wir beide vor uns hin. Zu diesem Zeitpunkt überlegte ich, ob es ernsthaft eine so gute Idee war, einem kleinen Kind solche Strapazen zuzumuten, denn ich selbst war recht schnell genervt, kämpfte abwechselnd mit Norman immer wieder mit leichter Übelkeit, bis wir zur Mittagszeit endlich einen Stopp an einem kleinen Café mitten in der verlassenen, kargen Landschaft einlegten. Dort endlich konnten wir alle uns ein bisschen Bewegung verschaffen, eine Kleinigkeit essen, die Toilette (eine kleine Holzhütte mit Loch im Boden) aufsuchen, und schon drängte der Fahrer wieder zur Abfahrt.
Titus zog es vor, die nächste Stunde zu verschlafen, in der die karge Landschaft mit den vereinzelten Holzhütten und Kuhherden wieder von dichten Birkenwälder abgelöst wurde, und so erreichten wir bereits um 14 Uhr die Ausläufer von Irkutsk. Innerlich hegten wir die Hoffnung, dass wir nun deutlich früher als wie angekündigt um 16 Uhr unser Ziel, den Busbahnhof, erreichen würden. Doch leider standen wir bereits kurz nach dem Ortsschild im Stau, und obwohl der Fahrer waghalsige Abkürzungen quer über Parkplätze und durch Tankstellen nahm, zog sich das letzte Stück ewig hin. Immerhin wackelte es nun nicht mehr so schlimm...

Um kurz vor vier, nach knapp 6 Stunden im Auto, durften wir dann endlich am Busbahnhof aussteigen und standen mit unseren Gepäckbergen erst einmal ein bisschen ratlos in dem chaotischen Treiben um uns herum. In der folgenden Stunde versuchten wir abwechselnd ein Taxi aufzutreiben, auf die nicht erscheinende Tram zu warten, zu versuchen, in einen vollgestopften Bus einzusteigen und dazwischen immer wieder den urplötzlich auftretenden heftigen Regenschauern auszuweichen. Wir waren sichtlich mürbe, während Titus vollkommen mit sich selbst zufrieden fröhlich in seinem Buggy vor sich hinquietschte, Wildfremden zuwinkte und wieder einmal sehr viel entspannter war als wir. Das einzige Taxi, das immer wieder an uns vorbeifuhr, wurde leider von einem renitenten Fahrer gelenkt, der einen horrenden Preis für die Fahrt zum Bahnhof wollte und davon auch nicht abwich. Also schulterten wir irgendwann genervt unser Gepäck und marschierten los, in der Hoffnung, auf irgendein anderes Taxi zu stoßen - und hatten bereits an der nächsten Straßenecke Glück, gerade als wieder die ersten Regentropfen herunterplatschten.
So standen wir dann endlich gegen 17 Uhr am Hauptbahnhof und konnten unsere Rucksäcke und Koffer in der Gepäckaufbewahrung abgeben, eine Kleinigkeit essen und uns ein wenig sammeln. Unser Zug sollte um 22 Uhr abfahren, wenn auch mal wieder auf den Tickets und auf sämtlichen Anzeigen 17:02 Uhr angegeben war - Moskauer Zeit natürlich!

Also war noch Zeit für einen kleinen Stadtbummel und ein wenig Bewegung, wir hüpften draußen in die scheppernde Tram und fuhren Richtung Stadtzentrum, deckten uns im Supermarkt mit Lebensmitteln für die kommende Zugfahrt ein, denn auf diesem Streckenabschnitt sollte es keinen Restaurantwagen geben, und suchten eine ganze Weile nach einem Restaurant. Schnell waren wir wieder genervt von der schlechten Infrastruktur in Irkutsk - die Gehwege sind voller Löcher, die Bordsteine schier unüberwindlich, im Supermarkt muss man nach Betreten erst einmal diverse Stufen überwinden, ebenso in sämtlichen Cafés und Restaurants - uns ist schleierhaft, wie man das alleine mit Kinderwagen oder gar mit Rollstuhl bewältigen soll?!

Endlich fanden wir eine kleine Pizzeria, wo wir unsere Batterien ein bisschen aufladen konnten, Titus war begeistert von Pasta und Salat und freute sich darüber, endlich mal ein wenig herumspazieren zu können. Schnell hatte er durch seinen Charme die Damen am Nebentisch so becirct, dass er einen Luftballon geschenkt bekam, und auch die beiden Angestellten konnten ihr Glück kaum fassen. Das Mädel löcherte Norman dann noch eine ganze Weile in gebrochenem Englisch, was denn der Grund sei, warum wir Deutschen uns nach Irkutsk verirrt hätten - eine durchaus berechtigte Frage!

Nun war es so langsam Zeit, den Weg zum Bahnhof anzutreten, unterwegs besuchten wir noch eine Apotheke, denn Titus' Windelcreme geht langsam zur Neige, und wir brauchten Nachschub. Wieder mal war auf den dort angebotenen Produkten alles nur auf Russisch vermerkt - an dieser Stelle stellen sich alle Leser nun bitte vor, wie Norman mit vollem Körpereinsatz der Apothekerin begreiflich machte, was wir suchten, mit Erfolg!
Überhaupt muss ich an dieser Stelle betonen, wie ernst Norman seine Elternzeit hier nimmt, er kümmert sich rund um die Uhr um den Sohnemann, manchmal muss ich fast darum kämpfen, auch mal die Fütterung o.ä. übernehmen zu dürfen.

Zurück am Bahnhof herrschte große Verwirrung: zwar bekamen wir heraus, dass unser Zug an Gleis 1 abfahren sollte, doch gab es vom gesamten recht großen Bahnhofsgebäude aus keinerlei Zugang zum Gleis 1. Wir rannten mehrfach hin und her, rätselten hin und her (vielleicht so harry-potter-mäßig durch eine Wand hindurch?) und löcherten die Dame am Infoschalter so lange, bis sie uns deutlich machte, wir sollten uns bitte entspannt hinsetzen, sie würde uns holen lassen, wenn es soweit wäre. Titus hatte währenddessen Bekanntschaft mit anderen Reisenden geschlossen und wurde durch die Gegend gewirbelt und geherzt.

Tatsächlich kam eine halbe Stunde vor Abfahrt ein Bahnmitarbeiter zu uns, schulterte das Gepäck und geleitete uns durch das Büro der Bahnhofsvorsteherin hin zum Gleis. Erst da checkten wir, dass man das Gleis 1 nur erreicht, indem man außen um das ganze Gebäude herumläuft, dort findet sich dann ein Tor und der Zugang zum Gleis - alles natürlich ohne Beschilderung. Nun gut, wir konnten nun den direkten Weg nehmen und standen kurz darauf vor der Provodnitsa, die eingehend unsere Tickets und Pässe studierte und Titus begrüßte.

Beim Einsteigen waren wir sehr angenehm überrascht; dieser Zug ist um Klassen luxuriöser als der vorhergehende, deutlich neuer und besser ausgestattet, mit Fernseher und Leselampen im geräumigeren Abteil, die Betten sind neuer und bequemer, hier könnte man es eine Weile aushalten. Wir bezogen erst einmal schnell unsere Betten, denn Titus war schon sehr müde, und legten ihn schlafen, damit wir in Ruhe auspacken und uns einrichten konnten.

Leider war die erste Nacht trotz sehr ruhiger Fahrt überhaupt nicht erholsam, denn irgendwann kurz vor Mitternacht krähte Titus jämmerlich los, und wir entdeckten ihn nach kurzer Suche auf dem Fußboden - anscheinend hatte er es trotz Auffangnetz geschaft, aus dem Bett zu fallen. 

Daraufhin holte ich ihn zu mir auf die Liege, und konnte natürlich selbst kaum noch schlafen, dafür ist das Klappbett dann doch zu schmal.
Nun ja, irgendwie überstanden wir auch diese Nacht, und verschliefen den langen Zwischenhalt in Ulan-Ude, der Hauptstadt Burjatiens. Ab hier trennen sich die Zugstrecken der Russischen Eisenbahn, es geht entweder ostwärts weiter nach Wladiwostock oder südöstlich Richtung Mongolei und Peking. Nach dem Aufwachen, der Katzenwäsche und dem Instant-Frühstück bestaunten wir die Landschaft - vorbei ist's nun mit Birken, stattdessen Steppe, Berge, Kuhherden, und immer noch seeeehr viel Platz.


Durch Titus schließen wir schnell Bekanntschaft mit den wenigen Mitreisenden, allen voran einem pensionierten englischen Ehepaar, die den Kleinen mit Keksen versorgen und mit denen wir eine Weile plaudern. Währenddessen bewegen wir uns unaufhaltsam auf die Grenze zu, wir sind gespannt, wie das Procedere dort ist...

5.6.15

Genug gesehen von Olkhon

Auch heute morgen machte uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung, der Wind blies so heftig, dass überall Staubschwaden aufgewirbelt wurden. Da Titus uns bereits um kurz nach sechs wieder mal geweckt hat, war das also eine gute Gelegenheit, um nach dem Frühstück gemütlich im Zimmer herumzuwuseln, zu lesen und dann ein ausgiebigies Schläfchen abzuhalten.

Nach dem Mittagessen, bei dem Titus wieder den Kartoffelbrei verschmäht und stattdessen Normans halben Nudelsnack verputzt hat, machten wir dann doch noch einen letzten Spaziergang durchs Dorf bis hin zum Hafen. Zwar ist Kuzhir durch die vielen, vielen Holzhäuser in ganz verschiedenen Stilen recht interessant anzuschauen, doch neben sehr gepflegten Anlagen befindet sich direkt eine Müllhalde, vor netten kleinen Tante-Emma-Läden stehen Schrottautos, und der Hafen hat definitiv auch schon bessere Zeiten gesehen. Keine Ahnung, wie das hier in der Saison zugeht, es gibt durchaus viele hübsche Ferienhäuser und Cafés, doch jetzt zumindest ist alles noch wie ausgestorben hier. Insgesamt sind wir also durchaus damit einverstanden, dass wir morgen wieder nach Irkutsk fahren, wo wir abends um 22 Uhr dann die Transsib besteigen, die uns in zwei Tagen bis nach Ulan Bator bringen wird.


Wir statten dem zugegebenermaßen wirklich tollen Spielplatz noch einen letzten Besuch ab, auch heute kann Titus keinen Gefallen an der Schaukel finden, und als wieder einmal schwarze Wolken aufziehen und Nieselregen einsetzt, marschieren wir zurück zu Nikita's Guesthouse, um dort unsere Sachen zu packen. Das gestaltet sich als ein wenig kompliziert, da Titus unbedingt mitpacken möchte und wir dann in seinem Koffer alles mögliche finden, unter anderem Tütensuppen... 



Norman schnappt sich den kleinen Helfer und steckt ihn nochmal unter die Dusche, denn im Zug werden wir ja wieder kaum Waschmöglichkeiten haben.

Nun warten wir auf das Abendessen, bei dem wir wieder einmal einen Teil davon für Titus' morgiges Mittagessen abzwacken werden, das funktioniert ganz gut so. Gegen 10 Uhr morgen früh holt uns dann ein Sprinter hier ab, und bringt uns in etwa 6stündiger Fahrt zurück nach Irkutsk. Sicherheitshalber haben wir diesmal für uns gleich drei Sitzplätze gekauft, damit wir ein bisschen mehr Platz haben für unseren kleinen Unruhestifter, auch wenn das großes Kopfschütteln bei der Kartenverkäuferin hervorgerufen hat. Ein bisschen graust es mir vor der holprigen und schier endlosen Fahrt morgen, aber einen anderen Weg gibt es leider nicht.

Das nächste Mal melde ich mich dann aus der Mongolei; wir sind sehr gespannt, wie der Grenzübertritt laufen wird, da haben wir nun schon so einige Horrorgeschichten gehört, von Zügen, die an der Grenze stundenlang bleiben mussten, und jegliches Aussteigen untersagt wurde. Ich werde berichten!

Regen und Sonnenschein

Titus ist seit gestern abend das Maskottchen der 10köpfigen taiwanesischen Reisegruppe, die hier im Gästehaus abgestiegen ist - er wirft sich den dazugehörigen Damen in die Arme, sobald er ihrer ansichtig wird, lässt sich herumreichen, fotografieren und hält in seinem Kinderstühlchen im Speisesaal richtiggehend Hof. Bei uns ist er momentan eher ein bisschen ungezogen, will immer seinen eigenen Kopf durchsetzen und kann inzwischen ganz schön wütend werden, wenn's mal nicht so läuft, wie er das gerne möchte, oder wir nicht schnell genug reagieren!

Immerhin schläft der kleine Kerl hier auf Olkhon erstaunlich gut und meistens auch recht lange, also scheint ihn der erneute Ortswechsel doch nicht so zu beeindrucken wie befürchtet. Der einzige, der hier nicht so gut schläft, ist Norman, da er sich mit Titus ein Bett teilt und stets in Sorge ist, dass es zu warm oder zu kalt ist und deshalb stündliche Temperaturchecks durchführt...

Es ist aber auch vertrackt hier auf der Insel; Regen und Sonne wechseln sich tagsüber wirklich halbstündlich ab, nachts kann es in unserer Holzbehausung empfindlich kalt werden, so dass wir morgens vor dem Aufstehen erst einmal den Heizlüfter anschalten, und sobald tagsüber die Sonne rauskommt, wird es sehr warm.
Nach dem Frühstück heute haben wir also ein wenig das Wetter beobachtet, und sind gegen halb elf dann zu einer weiteren Wanderung aufgebrochen. Diesmal ging es gut 6 km am Ufer entlang. Dort war's mit warmer Jacke sehr angenehm, denn hier bläst immer ein frischer Wind, und obwohl es hier einen beeindruckend langen und schönen Sandstrand gibt, wird hier wohl eher nicht gebadet, denn der Baikalsee hat momentan max. 15 Grad und wird auch im Hochsommer nicht viel wärmer. 


Das Gehen über die Sanddünen war ganz schön anstrengend, so dass wir nach einer Weile den Strand verlassen haben, um etwas oberhalb davon durch den Kiefernwald weiterzumarschieren. Titus hing sehr vernügt bei Norman auf dem Rücken, war aber durch das Dauergeschaukel bald müde und verschlief den Großteil des Weges.


Nach gut 1 1/2 Stunden waren wir bis zum kleinen Flugplatz der Insel gelangt und beschlossen, den Rückweg über die "Straße" (also die Schotterpiste) anzutreten. Dort schien die ganze Strecke über die pralle Sonne auf uns nieder, die Jacken wurden abgelegt, und wir marschierten über sandige Wege bis zurück nach Kuzhir. Während der gesamten dreistündigen Wanderung sind wir wieder einmal keiner Menschenseele begegnet...


Nach dem späten Mittagessen und ein paar Spielrunden mit Titus spazierte ich dann mit dem kleinen Mann wieder zu dem schönen Spielplatz, wo wir uns eine Weile vergnügten, bis die nächste schwarze Wolke den Himmel verdunkelte. Pünktlich mit den ersten dicken Tropfen erreichten wir wieder unser Zimmer, und mussten uns also dort noch ein Beschäftigungsprogramm ausdenken.

Viel Spaß haben wir mit den vielen Luftballons, die wir mitgebracht haben, die sind ein tolles Spielzeug und nehmen nicht viel Platz weg. Titus ist faziniert, wenn man so einen Ballon aufpustet und dann im Zimmer herumsausen lässt, man kann ihn zuknoten und Ball spielen, man kann einen aufgeblasenen Ballon auf eine leere Wasserflasche stülpen, man kann ihn quietschen lassen und und und...
Außerdem hat er gerade ein Faible für Bilderbücher (sehr empfehlenswert: die "Unkaputtbar"-Babypixie-Reihe vom Carlsen Verlag: macht ihrem Namen alle Ehre und ist prima für Reisen!) entwickelt, alle naselang bringt er uns eines und besteht darauf, dass man ihm daraus vorliest. Genauso gerne räumt er immer noch Dinge ein und aus, da bieten sich die herumliegenden Gepäckstücke natürlich an, und so finde ich immer wieder einen meiner Schuhe wahlweise im Mülleimer oder in seinem Koffer.

Abends nach dem Essen, das heute leider gar nicht nach Titus' Geschmack war (Kartoffelbrei, bäh!) und einer weiteren Charmeoffensive bei den Taiwanesinnen ist schnell Schlafenszeit, und so schaffen Norman und ich es, bei einem Dosenbier eine weitere Staffel der "IT Crowd" fertigzugucken - im Dunkeln auf dem Tablet, ganz still und heimlich, damit das Kind nicht aufwacht, wenn wir lachen müssen, das fühlt sich ein bisschen so an, wie heimlich unter der Bettdecke zu lesen!

3.6.15

Inselleben auf Olkhon

Nun sitze ich bei einer Tasse grünem Tee im Gemeinschaftsraum, während sich meine Männer auf dem örtlichen Spielplatz vergnügen. Es ist der Nachmittag unseres dritten Inseltages, und so langsam haben wir uns sozusagen "akklimatisiert".
Es ist recht ruhig, da außer uns nur eine Handvoll anderer Gäste auf dem Gelände ist; der Rest des Dorfes Kuzhir ist mehr oder weniger ausgestorben. Anscheinend geht in gut zwei Wochen die Saison hier erst richtig los...

Ein paar Dinge konnten wir trotz des sehr eingeschränkten Angebots doch schon unternehmen. Natürlich stand gestern nach dem Frühstück zuerst einmal ein kleiner Dorfrundgang auf dem Programm. Über staubige Straßen geht es dort hügelauf und -abwärts vorbei an Holzhäusern in allen möglichen Stadien, von gerade noch mitten im Bau bis hin zu völliger Verwesung. Dazwischen lungern überall struppige Hunde, Katzen und auf den Straßen stehen magere Kühe, die an den paar Grasbüscheln rupfen, die in dieser trockenen Umgebung wachsen. Der ganze Ort wirkt wie eine Geisterstadt.

Doch hoch oben auf der Kuppe eines der vielen Sandhügel steht neben der Dorfkirche  und mit tollem Blick über Kuzhir und den See ein nagelneuer und ziemlich toller Spielplatz, der sofort genauestens erkundet werden muss. Titus rutscht begeistert, krabbelt überall herum, klettert auf die Wippe und hat Spaß, wir sind auch hier ganz alleine. 


Während über uns die Möwen kreischen, zieht eine dicke Gewitterwolke heran, und so machen wir uns pünktlich zum Mittagessen und im einsetzenden Regen schnell auf den Rückweg ins Gästehaus. Da wir bei dem Wetter eh nichts unternehmen können, halten wir zu dritt ein langes Nickerchen und spazieren am späten Nachmittag nochmal los, um unsere Rückfahrt zu organisieren und ein wenig Proviant im Supermarkt zu erstehen.
Schließlich statten wir dem Schamananfelsen noch einen Besuch ab und sind wieder einmal erstaunt über die Kargheit der Insel. Es wird wohl auch wenig unternommen, um das bisschen Gras, das hier wächst, vor den offensichtlich häufig ausbrechenden Bränden zu schützen; überall liegen Scherben und Glasflaschen herum, und die Inselbewohner heizen mit ihren Autos auch kreuz und quer auf den nachwachsenden Grassoden herum...

Der Schamanenfelsen selbst darf nicht betreten werden, aber vom der Steilküste davor hat man einen schönen Blick auf die vielen im Wind flatternden Stoffbänder, die an jedem Ast angebunden sind. Leider sind wir von der Aussicht auf das nahende Abendessen so abgelenkt, dass wir von den angeblich mysthischen Kräften hier nichts erspüren.

  
Das Essen ist wieder ganz nach Titus' Geschmack; es gibt Karottensalat, Kartoffeln, Paprikagemüse und zum Nachtisch Apfelkuchen, und diesmal sind wir so schlau, gleich eine Portion davon für das morgigen Mittagessen abzufüllen. Titus unterhält mit seinem Geschrei den ganzen Raum, irgendwie ist er heute sehr ungestüm, kaum hat er genug vom Essen, wirft er in hohem Bogen jede Karottenscheibe und jedes Stückchen Paprika einzeln in hohem Bogen von sich und gebärdet sich wie wild. Ob das ein Vorgeschmack auf kommende Trotzphasen ist?

Kaum liegt er aber im Bett, schläft er friedlich, so dass wir den Tag bei einem Bier und ein paar Serien-Folgen ausklingen lassen. Allerdings ist die Nacht kurz, denn bereits um halb 6 ist Titus hellwach und will unbedingt eine gute Stunde lang im Bett spielen und auf mir herumturnen, bis er dann doch nochmal für ein Stündchen die Augen zumacht.
Kaum sitzen wir dann um 9 Uhr beim Frühstück, kann er es vor lauter Hunger kaum erwarten, bis ich seinen Frühstücks-Porridge angewärmt und richtig temperiert habe, und erheitert mit seinen "Hmmm, hmmm"-Rufen die Köchin ungemein! Nachdem der erste Hunger gestillt ist, veranstaltet er wie immer ein Marmeladenbrot-Massaker, aber er beschäftigt ist und wir in Ruhe frühstücken können, ist das schon in Ordnung.

Eine Weile beobachten wir das Wetter, wieder wechseln sich Flecken mit blauem Himmel und schwarze Wolken ab, doch gegen halb elf wagen wir den Aufbruch und wandern gut 90 Minuten lang zum Richtung Inselmittel auf einem Hügel gelegenen Aussichtspunkt. Titus schläft, auf meinen Rücken geschnallt, friedlich, während wir auf Sandwegen durch einen Kiefernwald spazieren, ein bisschen sieht es hier so aus wie in Süditalien - dazu passt auch der überall herumliegende Müll... Oben angekommen, schlägt das Wetter doch tatsächlich um, es ist sehr windig und beginnt zu regnen, so dass wir die Aussicht nur kurz genießen und uns schnell wieder auf den Rückweg machen. Hübsch ist es trotzdem hier, und wieder völlig menschenleer.

Wir schaffen es, wieder zur Mittagszeit im Gästehaus zurück zu sein, und nach einer kurzen Erholungspause machen wir uns uns diesmal mit dem Kinderwagen auf, um die Tickets für unsere Busfahrt zurück nach Irkutsk am Samstag zu kaufen. Wir hoffen mal, dass wir die Dame im Verkaufsbüro hinsichtlich Abfahrtszeit und Organisation richtig verstanden haben, denn diese spricht nur Russisch, aber zumindest Titus' Namen und Alter konnten wir ihr verraten, das war eh das wichtigste für sie. Da meine Männer eben dem besagten Spielplatz noch einen Besuch abstatten wollten, habe ich nun ein bisschen "frei", wie schön!

2.6.15

Eine lange Autofahrt

Es ist geschafft - nach nicht ganz 7 Stunden Autofahrt sind wir endlich in "Nikita's Homestead" auf Olkhon angekommen! Zwar ist Olkhon von Listwjanka aus nicht allzu weit entfernt, doch gibt es leider weder eine Uferstraße noch eine Schiffsverbindung... Statt des versprochenen Kleinbusses saßen wir zwar in einem Opel, zusammen mit dem Fahrer und dem Russen Oleg, eingepfercht mit Titus auf der Rückbank und natürlich ohne Kindersitz, doch war die mehr als 300 km lange Fahrt wider Erwarten gar nicht sooo anstrengend wie befürchtet.

Titus hat's natürlich mal wieder fertig gebracht, ausgerechnet heute, am Abreisetag, morgens mal wieder ewig zu schlafen, so dass wir ein bisschen fix mit dem Frühstück, Zimmer ausräumen und Verabschieden sein mussten. Der Abschied von Titus fiel Mascha, der Angestellten, sehr schwer, sie schleppte den kleinen Kerl die ganze Zeit über noch herum und drückte uns am Schluss noch einen Zettel mit ihrer Mailadresse in die Hand, mit der Bitte, ihr doch unbedingt ein paar nette Urlaubsfotos von Titus zu schicken. 


Um kurz nach 9 Uhr ging die Fahrt dann los, zuerst die etwa 70 km zurück nach Irkutsk, das ging recht schnell, obwohl wir unterwegs sogar noch bei einem Supermarkt anhielten, um mehr Joghurt, Buchweizen-Porridge und Birnen (die Grundversorgung für den Kleinen) zu kaufen, und Titus schlummerte sogar ein und verschlief die erste Hälfte der langen Reise komplett.
Nachdem wir Irkutsk hinter uns gelassen hatten, wurde der Verkehr deutlich weniger; statt der (Birken-)Wälder ringsum wurde es flach und kahl, überall grasten Pferde- und Kuhherden, wir passierten kleine Bauerndörfer, während die Landstraße in einem ewigen Auf und Ab die meiste Zeit geradeaus führte.

Um die Mittagszeit legten wir einen kurzen Toilettenstopp ein, fütterten den inzwischen aufgewachten Titus mit einer Banane ab, und weiter ging es wieder Richtung Baikalsee. Die Straße wurde zunehmend schlechter, irgendwann war dann nur noch eine harte Schotterpiste vor uns, auf der wir ordentlich durchgeschüttelt wurden. Unser Fahrer nahm immer mal wieder die Abkürzung direkt über den holprigen Feldweg daneben, und Titus, der bis dahin fröhlich und glücklich auf der Rückbank sitzend, stehend und herumkrabbelnd vor sich hin gespielt hatte, wurde auf einmal ganz blass und still und kuschelte sich fest an Norman. 


Die Landschaft draußen mit ihren kahlen, von gelben Grasbüscheln bedeckten Hügeln, auf denen wir immer mal wieder so eine Art russisches Murmeltier entdeckten, den mit Schneeresten bedeckten Gipfeln dahinter und dem aufziehenden schlechten Wetter mit Unmengen roten Sand aufwirbelnden Sturmböen  war recht beeindruckend. Dazu passten die alle paar Kilometer am Wegrand stehenden Stelen, die nach burjatischer Tradition mit Bändern umwickelt waren, die im Wind flatterten.

Gegen 14 Uhr erreichten wir endlich das Ende der Straße und damit den Fähranleger; leider konnten wir hier nicht aus dem Auto aussteigen, da ein Regenschauer eingesetzt hatte und der Wind draußen sehr ungemütlich war. Wir warteten also mit einer stetig wachsenden Zahl anderer Fahrzeuge auf die Fähre, und als sie endlich anlegte, schoss unser Fahrer draufgängerisch nach vorne, um sich einen Platz darauf zu sichern - zum Glück, denn sonst hätten wir sicher die nächste abwarten müssen.


Nach zehnminütiger Überfahrt auf der Insel angekommen, ging die immer wilder werdende Fahrt weiter, nun noch 35 km lang über reine Schotterpisten, bei denen wir Titus mit beiden Händen fest umklammert halten mussten, damit er nicht quer über den Rücksitz purzelte. Er fand alles aber immer noch lustig und war deutlich besser gelaunt, als wenn er festgezurrt im Kindersitz hätte ausharren müssen, und verschlief dann sogar die letzte halbe Stunde Fahrt noch fest an mich gekuschelt.


Endlich, um kurz vor 16 Uhr, fuhr unser Taxi auf dem Hof von "Nikita's Homestead" vor und wir checkten ein. Diese "Ferienanlage" besteht aus vielen kleineren und größeren Holzhäusern, mit Einzel- und Doppelzimmern, Schlafsälen, Cafés, Kantine, Aufenthaltsräumen, alles ein bisschen "alternativ" eingerichtet und sehr auf Backpacker ausgerichtet. Hier bezogen wir ein kleines Zimmerchen und erkundeten erst einmal die Umgebung. Leider ist das ganze Drumherum hier nicht so hübsch, wie wir erwartet hatten und wie es uns auch von verschiedenen Seiten berichtet wurde. Die gesamte Anlage hat zwar schon schöne Ecken und man sieht, dass hier gute Ideen umgesetzt werden, doch das meiste ist (noch?) nicht in Betrieb, befindet sich noch in Bau, und einige Stellen haben eher Hinterhof- oder Sperrmüllatmosphäre. Ein bisschen schieben wir es darauf, dass hier erst in gut einem Monat der Saisonbetrieb losgeht, deshalb sind außer uns momentan auch nur eine Handvoll anderer Gäste auf dem Gelände.

Um die Zeit bis zum sehnlichst erwarteten Abendessen zu überbrücken, spazierten wir noch kurz hinaus zum See. Direkt vor dem Ufer ragen zwei große Felsen aus dem Wasser, denen starke Kräfte nachgesagt werden und die für die Schamanen der Burjaten eine wichtige Rollen spielen. Deshalb finden sich auch hier wieder religiöse Stätten mit den schon beschriebenen Holzstelen.


Das reicht aber für eine erste Besichtigung, das Abendessen rief, das Einheitsmenü ist hier inklusive und fand zum Glück die Zustimmung unseres Sohnemanns, er wieder einmal die Hälfte meiner Suppe, meines Buchweizens, meines Salats und meines Nachtisches einverleibte und danach bestens gelaunt alle anderen Essenden bezirte. Ihm hat die lange Autofahrt wohl überhaupt nichts ausgemacht, wir dagegen sind ziemlich erledigt und sind froh, außer ein bisschen Seriengucken heute nichts mehr erledigen zu müssen...

31.5.15

Sinnloser Ausflug

Wie schon gestern erwähnt, fällt uns nicht mehr so recht ein, womit wir den letzten Tag in Listwjanka noch verbringen könnten, also tun wir zumindest vormittags erst einmal gar nichts und bestaunen die niederländische Reisegruppe, die seit gestern zu Gast im Chalet ist und deren Durchschnittsalter mindestens bei 80 liegt.
Titus hat dicke Freundschaft mit Mascha, der Hauswirtin, geschlossen, lässt sich auf dem Arm herumtragen, malt mit ihr, bekommt regelmäßig die Nase geputzt (die leider immer noch ein wenig verschnupft ist), und wir sind währenddessen abgemeldet.

Nach dem Mittagessen wagen wir uns nach draußen, die Wettervorhersage für heute war eher mau, aber der starke Wind und die Wolken sind mittags abgezogen, und schon wagt sich wieder die Sonne hervor. Das Kind schläft nach 10 Minuten Fußweg in der Manduca bereits tief und fest, wir kehren erst einmal im Café am Hafen ein und lassen uns dort mit Blick auf den See Blinis schmecken. 


Wieder einmal wird uns die Rechnung unaufgefordert gebracht und die Teller abgeräumt, während wir noch den letzten Bissen im Mund haben; der Service in Russland ist wirklich sensationell schlecht. In Geschäften erwidert man auf unsere braven Begrüßungs- und Verabschiedungsformeln meist gar nichts, "danke" hört man selten, und gelächelt wird auch nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt...

In Listwjanka, eigentlich ein 1.800-Seelen-Dorf, ist heute mal richtig was los, offenbar verbringen sämtliche Irkutsker ihre Sonntagnachmittage bei schönem Wetter am See.


Als wir nach unserer Stärkung also mit dem Sammeltaxi ins 4 km entfernte Nikola zum ethnologlischen Museum fahren wollen, sind die Plätze schnell gefüllt, und wieder einmal bemüht man sich nach Kräften, mit uns ins Gespräch zu kommen, da der kleine schlafende Kerl immer für Aufsehen sorgt. So verpassen wir irgendwie den richtigen Ausstieg und stehen nach 10 Minuten Fahrt an einer Schnellstraße, neben der ein paar Häuschen stehen. Unsere Karte behauptet aber, dass es hier "cafés & souvenirs" gibt, also marschieren wir runter ans Wasser, an so einer Hafenpromenade wird doch wenigstens ein Getränk zu bekommen sein. Weit gefehlt - ein paar verrostete Schiffe dümpeln vor sich hin, verfallene Hafenbaracken verströmen Ostblockcharme, aus den Häusern rundherum ist kein Laut zu hören, nur eine streunende Katze liegt in der Sonne auf der ungeteerten Straße.
Das Museum, unser eigentliches Ziel, in dem Norman unbedingt den dort ausgestellten "laminierten Omul" (ich glaube, er meint einen in Formaldehyd eingelegten Ur-Fisch) besichtigen wollte, sehen wir zwar weit entfernt am Ufer liegen, doch der Weg dorthin scheint zu Fuß nicht möglich zu sein. Also stehen wir gut 10 Minuten, nachdem wir dort ausgestiegen sind, wieder an der Schnellstraße und warten auf ein Maschrutka, das uns zurück nach Listwjanka bringt. Wir stehen, und stehen, und stehen an diesem idyllischen Ort und vertreiben uns die Zeit damit, auf kyrillisch geschriebene Werbeplakate zu entziffern.

Endlich hält ein klappriger Minibus an, wir quetschen uns auf die knapp anderthalb verbliebenen Sitzplätze zwischen die bereits drin sitzenden auslandenden Omas mit Unmengen Gepäck, und so geht's in wilder Fahrt zurück nach Listwjanka - den Museumsbesuch haben wir auf unbestimmte Zeit verschoben.

So kommen wir knapp 3 Stunden nach Aufbruch zurück in unsere Pension, und haben eigentlich nichts nennenswertes gesehen, aber immerhin war auch dieser sinnlose Ausflug ganz lustig und für uns ein Zeichen, dass es nun wirlich an der Zeit ist, Listwjanka zu verlassen und weiterzureisen. Wir trinken in der sehr heißen Nachmittagssonne noch ein Bier auf der Terrasse, packen so langsam unsere Rucksäcke zusammen, bezahlen die Rechnung mit mühsam ergatterten Rubel - der Geldautomat im Dorf spuckte nämlich immer nur umgerechnet 80 Euro auf einmal aus, das dauerte also eine Weile, bis der fällige Betrag abgehoben war!
Titus wird in der Badewanne geschrubbt und bekommt von Mascha beim Abendessen eine Extraportion Gurkensalat mit Ei, saurer Sahne und Bärlauch serviert - wir sind skeptisch, doch er mampft die ganze Schüssel leer, danach noch gierig  einiges von meinen Spaghetti mit Gemüse und ein Stück Kuchen. Wir sind schon sehr erstaunt, was dem kleinen Kerl so alles schmeckt und wieviel in so einen kleinen Magen reinpasst...

Nun haben wir also noch eine Nacht hier, morgen früh nach dem Frühstück werden wir mit einem Kleinbus nach Olkhon fahren!